Die Versöhnung des heutigen Israel mit seinen Nachbarn steht noch aus

Die Versöhnung des heutigen Israel mit seinen Nachbarn steht noch aus

Dieser schreckliche Betrug Jakobs gegen seinen Bruder Esau musste gesühnt werden und Jakob/Israel hat diese Sühne tatsächlich vollbracht, indem er sich, angesichts der vierhundert Söldner, die Esau angeworben hatte, um Jakob zu töten, siebenmal vor Esau zu Boden warf, um ihm zu zeigen, dass er seinen Betrug und den Schmerz, den er damit verursacht hat, zutiefst bedauerte.

Diese große Geste der Demut, dass er sich der Gnade seines Bruders auslieferte, hatte einen hohen Preis. Die ganze Nacht hatte Jakob gerungen, gekämpft mit dem, der, als er ihn nicht loslassen wollte, ihm einen Schlag auf die Hüfte versetzte, sodass er nur noch humpeln konnte – der ihm dann aber den Namen „Israel“ gab, was heißt „der mit Gott und Menschen gekämpft und bestanden hat“. Und als Jakob sich dann vor seinem Bruder zu Boden warf, war Esau so tief berührt, dass er sich niederbeugte zu seinem Bruder, ihn hochhob und ihn in die Arme schloss. Damit anerkannte er ihn wieder als seinen Bruder, ohne jeden Versuch, ihm die Nachfolge Abrahams abzuerkennen.

Im zwanzigsten Jahrhundert haben die Bewohner Palästinas und mit ihnen alle Muslime eine ähnliche Demütigung erfahren wie Esau. Viel von dem Land um das große muslimische Heiligtum in Jerusalem, das zeigt, dass der Prophet Mohammed rechtmäßiger Nachfahre der biblischen Propheten ist, wurde dessen Bewohnern und allen Muslimen durch die Teilungserklärung der Vereinten Nationen 1947 weggenommen. Für sie und insbesondere für alle Muslime war das ein großes Unrecht. Sie sahen sich hintergangen, wie Esau hintergangen worden war durch den Betrug Jakobs.

Im Zeitalter der Patriarchen ist es Jakob gelungen, sich mit seinem Bruder Esau zu versöhnen. Die Versöhnung des heutigen Israel mit seinen Nachbarn, mit seinen Geschwistern in Abraham, steht noch aus.

Deshalb hatte ich Anfang des Jahres 2017 zum Anlass der vom jordanischen König angeregten und von den Vereinten Nationen übernommenen „Interfaith Harmony Week“ vor einer interreligiösen Versammlung der UNO in Wien angeregt, dass der israelische Ministerpräsident bei einer der kommenden Hauptversammlungen des UNO in New York die Oberhäupter der muslimischen Welt um die Erlaubnis bittet, vor ihnen die Geste des Namensstifters Israel wiederholen und sie um Verzeihung bitten zu dürfen für all das Leid, das Palästinensern und Muslimen durch die Einrichtung des Staates Israel entstanden ist – dass er gleichzeitig aber um Verständnis werben möchte für die Not, in der sich das jüdische Volk zum Zeitpunkt der Teilungserklärung der UNO 1947 befunden hat, die den Juden, die damals in Israel lebten, keine Wahl ließ, als all ihre Kräfte zu sammeln, um sich selbst und ihr neu gefundenes Land gegen die angreifenden Armeen ihrer arabischen Nachbarn zu verteidigen. Diese verzweifelte Entschlossenheit hat es ihnen zwanzig Jahre später noch einmal ermöglicht, ihren erzürnten Nachbarn sogar noch mehr Land abzutrotzen, um Israel zu sichern.

Sehr tiefes Bedauern wird nötig sein, um den gerechten Zorn der muslimischen Nachbarn zu dämpfen, denn das mit der Einpflanzung Israels verbundene Leiden für die Bevölkerung Palästinas und für die Nachbarn war außerordentlich groß. Viele sind gestorben, viele haben ihr gesamtes Hab und Gut verloren, viele haben ihre Heimat verloren – und das kann nicht direkt wiedergutgemacht werden.

Mit einem ehrlichen Ausdruck tiefen Bedauerns durch Israel aber können die Palästinenser, die arabischen Nachbarn und die Muslime insgesamt, deren großes Heiligtum ja in Bedrängnis geraten ist, bewegt werden, die Juden wieder als ihre Brüder anzunehmen und ihnen ihren unbezweifelten Platz in ihrer ehemaligen biblischen Heimat wieder zuzugestehen.

Im Sinn eines wahren und dauerhaften Friedens könnten die Muslime den Juden sogar zubilligen, nicht nur das Gebiet ihres Staates Israel als für alle Zukunft gesichertes Land für die Juden in aller Welt zu beanspruchen, sie könnten ihnen sogar erlauben, sich in allen Gebieten ihrer ehemaligen biblischen Heimat auch heute anzusiedeln, also auch im neuen Staat Palästina.